Weniger Betriebe, mehr Ertrag: Wiens Landwirtschaft im Umbruch
Wien hat am vergangenen Wochenende seine Landwirtschaft gefeiert: Beim großen Erntedankfestival auf dem Heldenplatz präsentierten Betriebe aus der Bundeshauptstadt ihre Produkte. Hinter dem Fest steht ein Sektor, der sich seit Jahren tiefgreifend verändert – und dessen Entwicklung auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: Die Zahl der Betriebe und die bewirtschaftete Fläche gehen deutlich zurück, während Produktionsmengen und Erzeugungswert steigen.
Ein Drittel weniger Gartenbaubetriebe
Am deutlichsten zeigt sich der Strukturwandel im Gartenbau, dem prägenden Zweig der Wiener Landwirtschaft. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der Gartenbaubetriebe von 263 auf 178 – ein Rückgang um fast ein Drittel. Die von ihnen bewirtschaftete Fläche schrumpfte im selben Zeitraum um knapp 40 Prozent.
Die Gründe sind für einen Stadtstaat typisch: Landwirtschaftliche Flächen stehen in Wien in intensivem Wettbewerb mit Wohnbau und Infrastruktur. Wo Grundstücke als Bauland infrage kommen, steigen Pacht- und Bodenpreise so weit, dass sich eine gärtnerische Nutzung für viele Betriebe nicht mehr rechnet. Dazu kommen fehlende Hofnachfolge und der hohe Investitionsbedarf moderner Glashaustechnik.
Mehr Paradeiser, weniger Karotten
Paradoxerweise ging der Rückgang bei Betrieben und Fläche nicht mit einem Rückgang der Produktion einher – im Gegenteil. Die Ernte von Glashausparadeisern stieg zwischen 2015 und 2025 von 12.600 auf über 19.000 Tonnen. Paprika aus geschütztem Anbau hat sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt.
Der Zuwachs betrifft allerdings nicht alle Kulturen. Bei Karotten brach die Produktion um mehr als 70 Prozent ein. Das Muster dahinter ist eindeutig: Flächenintensive Feldkulturen mit geringer Wertschöpfung je Quadratmeter verlieren, während der geschützte Anbau unter Glas und Folie ausgebaut wird. Wer in Wien weiterwirtschaften will, holt mehr Ertrag aus weniger Fläche.
Erzeugungswert deutlich gestiegen
Wirtschaftlich schlägt sich diese Verschiebung klar nieder. Nach Angaben der Wiener Landwirtschaftskammer stieg der Wert der landwirtschaftlichen Erzeugung in der Bundeshauptstadt von 74,8 Millionen Euro im Jahr 2015 auf 118,3 Millionen Euro im Jahr 2024. Die verbliebenen Betriebe sind also im Schnitt deutlich produktiver und wertschöpfungsstärker als noch vor einem Jahrzehnt.
Flächendruck, Klima, Personal
Damit sind die Herausforderungen aber nicht kleiner geworden. Neben dem Flächendruck durch Wohnbau und Infrastruktur nennen die Betriebe vor allem den Klimawandel und zunehmende Trockenheit, den Arbeitskräftemangel – besonders bei Saisonkräften für die arbeitsintensive Ernte im Gemüsebau – sowie steigende bürokratische Anforderungen.
Der Ausbau geschützter Kulturen erhöht zugleich die Kapitalintensität: Glashäuser, Klimasteuerung und Bewässerungstechnik binden Kapital, das kleine Einheiten nur schwer aufbringen. Wo Neuinvestitionen nicht darstellbar sind, greifen Betriebe auf Gebrauchtmaschinen zurück, um Technik schrittweise und mit geringerem Kapitaleinsatz zu erneuern.
Schnecken, Feigen, Aquaponik
Viele Betriebe reagieren, indem sie zusätzliche Einkommensquellen erschließen. Direktvermarktung nutzt die unmittelbare Nähe zu hunderttausenden Konsumentinnen und Konsumenten – ein Standortvorteil, den kein ländlicher Betrieb in dieser Form hat. Dazu kommen Bildungs- und Sozialangebote wie „Schule am Bauernhof“ und Green Care, bei dem landwirtschaftliche Betriebe soziale, gesundheitliche oder pädagogische Leistungen anbieten.
Parallel dazu gewinnen Nischenkulturen an Bedeutung: Pilze, Aquaponik, Feigen und die Schneckenzucht – etwa beim Wiener Schneckenzüchter Andreas Gugumuck – stehen für eine Produktion, die auf kleiner Fläche hohe Wertschöpfung erzielt und sich gezielt an den urbanen Markt richtet. Das Rückgrat bleiben aber weiterhin die geschützten Kulturen unter Glas.
Ausblick
Die Richtung der Entwicklung ist damit absehbar: weniger, dafür größere und stärker spezialisierte Betriebe, ein weiter wachsender Anteil geschützter Kulturen und ein Produktionsprofil, das konsequent auf die Nachfrage der Stadt ausgerichtet ist. Ob Wien seine landwirtschaftlichen Flächen langfristig halten kann, wird sich vor allem in der Flächenwidmung entscheiden – dort, wo Gartenbau und Wohnbau um dieselben Grundstücke konkurrieren.
Ursprüngliche Meldung/Quelle: news.google.com
Bildquelle: Pixabay (Pixabay-Lizenz, freie kommerzielle Nutzung)
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