Ardo-Schließung in Groß-Enzersdorf: 500 Gemüsebetriebe im Marchfeld vor ungewisser Zukunft
Die angekündigte Schließung des Ardo-Werks in Groß-Enzersdorf trifft die Landwirtschaft im Marchfeld hart. Rund 500 Betriebe der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG) produzieren dort überwiegend auf einer Fläche von etwa 3.300 Hektar Gemüse für die Verarbeitung. Mit dem schrittweisen Aus des Standorts verlieren sie ihren zentralen Abnehmer für Tiefkühlgemüse in Österreich.
Schrittweise Schließung bis 2027
Ardo hatte am Donnerstag bekanntgegeben, das Produktions- und Verpackungswerk in Groß-Enzersdorf schrittweise zu schließen. Die Gemüseproduktion soll noch bis Dezember laufen, danach werden die Produktionslinien sukzessive stillgelegt und das Gebäude entkernt. Sieben Beschäftigte im Vertrieb und Vertriebsinnendienst sollen bleiben, für rund 190 weitere Mitarbeiter ist die Kündigung vorgesehen. Die Produktionsanlagen sollen an andere bestehende Standorte in Europa verlagert werden. Eine Fortführung durch einen anderen Eigentümer ist nach Angaben des Unternehmens daher nicht möglich.
Betroffene Landwirte und ihre Investitionen
Was die Schließung für die Praxis bedeutet, zeigt sich auf einem Betrieb in Franzensdorf im Bezirk Gänserndorf. Landwirt Johann Blatt produziert dort unter anderem Spinat und Speisekürbis für die Tiefkühlproduktion. Rund ein Viertel seiner Fläche entfällt nach eigenen Angaben auf diesen Bereich. Als er am Donnerstag von der Schließung erfuhr, sei sein erster Gedanke „eine Art Fassungslosigkeit oder keinen Boden unter den Füßen“ gewesen, sagte Blatt gegenüber noe.ORF.at.
Das Tiefkühlgemüse sei ein wichtiges Standbein seines Betriebs. Nun müsse er nach Alternativen suchen, was in einem derzeit angespannten Marktumfeld schwierig sei. In den Gemüseanbau hat der Familienbetrieb über Jahrzehnte erheblich investiert – allein für die Beregnung rund eine halbe Million Euro. Die Beregnungsanlagen könnten grundsätzlich auch für andere Kulturen genutzt werden, doch müssten Pflanzen gefunden werden, bei denen sich der Aufwand wirtschaftlich rechnet. Einen anderen Verarbeiter für sein Tiefkühlgemüse sieht Blatt derzeit nicht. Lange Transportwege würden zusätzliche Kosten verursachen und könnten die Qualität beeinträchtigen.
Nachfrage und offene Fragen zur Verarbeitung
Die Nachfrage nach Marchfelder Gemüse könnte zumindest teilweise bestehen bleiben. Ein deutsches Lebensmittelunternehmen erklärte nach Bekanntwerden der Schließung, an Lösungen zu arbeiten, um weiterhin Gemüse aus dem Marchfeld zu beziehen. Auch eine internationale Handelskette will nach eigenen Angaben möglichst weiter auf Gemüse aus der Region setzen. Entscheidend bleibt die Frage, wo diese Produkte künftig verarbeitet werden könnten. Nach der Ernte muss das Gemüse möglichst rasch weiterverarbeitet werden, weshalb Blatt einen Transport zu weit entfernten Standorten wegen höherer Kosten und der Qualitätsanforderungen für problematisch hält.
Politische Reaktionen und Zeitdruck
Mayr forderte rasche Klarheit. Innerhalb der nächsten Wochen müssten Saatgut, Fruchtfolge und Anbau für 2027 geplant werden. LKNÖ, Land und Landwirtschaftsministerium wollen dazu Gespräche führen. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, ihr Stellvertreter Stephan Pernkopf und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (alle ÖVP) bezeichneten die angekündigte Schließung als „schweren Schlag“ für die Beschäftigten und die betroffenen Bauernfamilien. Sie sehen Ardo in der Verantwortung und erklärten sich zu Gesprächen bereit. Die Gewerkschaft PRO-GE forderte für die Beschäftigten einen raschen Sozialplan und eine Arbeitsstiftung. Auch SPÖ-Landesparteichef und Landesrat Sven Hergovich sprach sich für die Prüfung einer solchen Stiftung aus.
Das ÖVP-geführte Landwirtschaftsministerium betonte, die Versorgung der Bevölkerung mit Tiefkühlgemüse sei aus heutiger Sicht gesichert. Fehlende Mengen aus heimischer Produktion könnten bei Bedarf ersetzt werden. In den angekündigten Gesprächen geht es damit vor allem um die Frage, ob auch die heimische Produktion und Verarbeitung erhalten werden kann.
Ungewisse Planung für das kommende Anbaujahr
Für Landwirt Blatt ist derzeit offen, was im kommenden Jahr auf seinen bisherigen Tiefkühlgemüseflächen wachsen wird. Auf anderen Feldern sei die Planung bereits weiter, bei den für die Tiefkühlproduktion vorgesehenen Flächen stehe er aber „nach wie vor mit einem Fragezeichen da“. Der Gemüseanbau für die Tiefkühlproduktion reicht auf seinem Hof mehrere Generationen zurück – schon sein Großvater habe damit begonnen. Sollte sich keine neue Lösung finden, müsse er die Tiefkühlgemüseproduktion aufgeben: „Weil ich keinen Abnehmer habe, werde ich auch keines anbauen.“
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