Tirol ist nicht der Wilde Westen

Eine Studie zum Lebensraum- und Konfliktpotential des Wolfes der Universität für Bodenkultur sorgt für Aufregung. Kritiker unterstellen der vom Landwirtschaftsministerium und von verschiedenen Bundesländern beauftragten Arbeit Wolfsliebhaberei.

„Ich habe Männer, groß wie ein Baum und stark wie ein Bär, plärren gesehen wie ein Kind, weil sie Viecher mit nur mehr drei Haxen mit einem Stein erlösen mussten.“ Schafbauer Stefan Brugger aus Sölden wird emotional, wenn er davon erzählt, was er schon alles erleben musste. Als Obmann der Weidezone Tirol gilt er als ebenso streitbarer wie umstrittener Vorkämpfer gegen die Ausbreitung des Wolfes. Wenn es darum geht, die Almwirtschaft im Heiligen Land Tirol zu verteidigen, ist ihm wenig heilig. Als Galionsfigur der Kritiker ist er bei einigen offiziellen Vertretern des Bauernbundes nicht gerade beliebt. Jüngster Konfliktpunkt war die Veröffentlichung einer Studie, die vom Ministerium und den betroffenen Bundesländern in Auftrag gegeben wurde. Brugger und seinen Mitstreitern fällt diese zu raubtier-freundlich aus. „Wenn so etwas mit Bauerngeld finanziert wird, muss es den Bauern einen Nutzen bringen.“ Die Autorin ist für ihn aber eine Wolfsbefürworterin. „Und die Metzgerinnung schreibt ja auch nicht eine Studie für Veganer.“

Gemeint ist damit Jennifer Hatlauf vom Institut für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft auf der Universität für Bodenkultur in Wien. Sie wehrt sich vehement gegen die Vorhaltungen, parteiisch zu sein. „Die Wissenschaft beobachtet und dokumentiert, aber sie hat keine politische Agenda. Wir haben im Rahmen des Projekts verfügbare Daten zusammengetragen und das Lebensraum- und Konfliktpotential modelliert.“ Die Studie sage nur aus, wo sich der Wolf wahrscheinlich wohlfühlen werde und wo es zu Spannungen kommen kann. Darauf aufbauend könne die Politik Entscheidungen treffen und begründen. „Das hat nicht annähernd damit zu tun, dass die Forscher wollen, dass dort überall Wölfe leben, wie so manche scheinbar fälschlich verstehen.“ Sie wolle abseits von Emotionen und Polemik zum Diskurs beitragen, so Hatlauf weiter. „Letztendlich kann auf Basis der Daten, etwa des Risspotenzials, auch entschieden werden, ob man Herden da oder dort auftreibt.“

Klaus Plattner aus Oetzerberg am Eingang des Ötztals unterstellt der LeKo-Studie hingegen fehlende Praxistauglichkeit. „Da reden Leute aus der Stadt mit, die nichts wissen von der Lebensweise in den Tälern.“ Der 59-jährige züchtet Tiroler Tscheggenschafe und kümmert sich um eine Gemeinschaftsalm jenseits der Baumgrenze, die sich über drei Täler zieht. „Dort gibt es nur Steine, Steine und wieder Steine. Die Tiere ziehen sich auf den letzten Grat zurück. Zäune sind nicht machbar“, lehnt Plattner die vorgeschlagenen Herdenschutzmaßnahmen ab. Auch, dass Wölfe mit Paintball-Gewehren vergrämt werden sollen, wie bei der Studienpräsentation in den Raum gestellt, kostet Plattner nur einen bitteren Lacher. „Mit denen schießt man 20 Meter weit. Ein Wolf schmeckt, riecht und hört das x-Fache eines Hundes. Wie soll ich denn so nahe hinkommen?“ Jeder Wolf sei ein Problemwolf, der immer die Beute reißen werde, die er am einfachsten bekomme, so wie jede Katze einen Vogel fange. „Ein Wolf ist wie ein geladener Revolver. Wenn sich nicht schlagartig etwas ändert, sehe ich für die Jungen keine Zukunft und jahrhundertealte Höfe stehen vor dem Aus.“

Die Sorgen der Bauern seien absolut berechtig, stimmt Mit-Auftraggeber Norbert Totschnig grundsätzlich zu. Der Landwirtschaftsminister verteidigt aber die Untersuchung: „Aus den Erfahrungen anderer EU-Mitgliedsstaaten wissen wir, dass für ein aktives und funktionierendes Wolfsmanagement fundierte wissenschaftliche Studien zur Ermittlung des günstigen Erhaltungszustandes notwendig sind.“ Die LeKo-Studie bilde dafür einen ersten wichtigen Baustein. Erstmalig habe man auch das Konfliktpotential mit der Almwirtschaft, dem Tourismus und der Bevölkerung erheben lassen. „Zusätzliche Studien zur weiteren Datenerhebung werden folgen.“

Der Kritik, dass keine Vertreter der Weidetier- und Almwirtschaft in die Erstellung eingebunden waren, entgegnet Totschnig, dass neben grundlegenden Recherchen strukturierte Behördenvertreterbefragungen durchgeführt worden seien. „Klar ist, dass es keine Lösungen geben wird, ohne die Interessen der Landwirtschaft ausreichend zu berücksichtigen.“ Gefragt, ob „wolfsfreie Zonen“ eine populistische Utopie seien, antwortet der Minister, dass es Aufgabe der Politik sei, rechtskonforme und praktikable Lösungen zu erarbeiten. „Komplett wolfsfreie Zonen sind nicht möglich, weil Wölfe grenzüberschreitend quer durch Europa wandern.“

Uneingeschränkt Feuer frei auf den Wolf wird es also nicht geben. „Für uns ist klar, dass alpine Regionen ein besonders hohes Risspotential haben und bei uns keine Wildnis zur Verfügung steht“, argumentiert Tirols Landeshauptmannstellvertreter und Agrarlandesrat Josef Geisler. „Wir sind aber nicht im Wilden Westen, wo man jeden erschießen kann, der das Grundstück betritt. Da brauchen wir weniger Ideologie und mehr Pragmatismus.“ Unter seine Zuständigkeit fällt auch die jüngste Novellierung des Tiroler Jagdgesetzes, die auf den Almen „Schuss auf Sicht bei unmittelbarer Gefährdung“ ohne vorherige Verordnung erlaubt. Damit zieht das Bundesland Kärnten nach, wo man bereits seit längerem liberaler ist und dementsprechend bereits mehr Wölfe entnommen wurden. „Insgesamt müssen wir aber europäisch und nicht kleinräumig denken. Dafür und für die Argumentation gegenüber Brüssel ist es notwendig, Grundlagen zu entwickeln, wie wir sie in der LeKo-Studie geschaffen haben.“

Bei der transnationalen Zusammenarbeit sind Geisler und Brugger, obwohl sich sonst nicht gerade grün, einer Meinung. „Wenn wir bei uns rigoros zu jagen anfangen, trauen sich auch die Nachbarländer mehr. Und jeder Wolf, der bereits im Ausland erlegt wird, kann bei uns nicht mehr zum Problemwolf werden“, so der Weidezone-Obmann. Der Räuber denke 24 Stunden am Tag nur darüber nach, wie er zu seiner Beute komme und habe längst gelernt, dass der Mensch keine Gefahr, sondern nur ein Hindernis am Weg zum Riss ist. Im Almsommer 2025 habe es wahre Massaker im Tiroler Oberland gegeben, weswegen manchmal bereits nach wenigen Tage wieder abgefahren wurde. „Treiben wir keine Schafe und Ziegen mehr auf, ist die nächste Eskalationsstufe, dass Großvieh attackiert und über Abhänge getrieben wird.“ Jeder Wolf sei ein Schadwolf, weil er null Nutzen für den Menschen habe. „Von ihm haben wir weder Wolle noch Fleisch noch Milch.“ Brugger hätte Gönner bei der Hand, die für jeden Räuber eine Abschussprämie von tausend Euro ausloben würden, behauptet er.

Jennifer Hatlauf möchte den Raubtieren stattdessen zeigen: Da darfst Du nicht sein, da tut das weh! „Wir müssen uns richtig verhalten, um ,erzogene´ Wölfe zu haben. Sie müssen lernen, aber auch wir.“ Öffentlichkeitsarbeit, Herdenschutz und Vergrämung müssten Hand in Hand gehen. Erst dann würden letale Maßnahmen kommen. Auch langfristiges Populationsmanagement sei wichtig. Allerdings müsse man dabei wissenschaftsbasiert vorgehen, und die Studie habe hierzu wesentliche Grundlagen geschaffen. „Extreme werden keine langfristige Lösung bringen. Es braucht nachhaltige Ansätze. Und auch wenn heute alle Wölfe entfernt würden, werden morgen neue nachziehen.“ Sie arbeite gerne mit allen Interessengruppen zusammen. „Ich habe selber einige Sommer auf einer Hütte in Kärnten ausgeholfen und kann die Betroffenheit der Bauern bei einem Riss verstehen. Es ist furchtbar.“ Gerade deshalb sei es notwendig, der Landwirtschaft ein ganzes Toolkit an Handlungsoptionen aufzuzeigen. „Was ist, wenn etwas ist? Dafür will die LeKo-Studie die Basis legen.“

STEFAN NIMMERVOLL

 

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