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Die Spinnweben bleiben im Stall

Lange war es um die von Stechmücken übertragene Blauzungenkrankheit in Kärnten im Vorjahr verdächtig ruhig. Dann schlug die Keule heftig zu. Jetzt wird über die Informationsweitergabe, die Kosten für die Impfung und die weitere Strategie diskutiert.

Thomas Koch ist ein streitbarer Charakter. Witternig – der im Wind steht, so lautet der Hofname seiner Familie auf Windisch. Und Koch ist als einer der größten Schafbauern Kärntens tatsächlich einer, der sich selten ein Blatt vor den Mund nimmt.  „Die Weitergabe der Information beim ersten Auftreten der Blauzungenkrankheit im Gailtal hat nicht gepasst. Im Lavanttal hätten die Bauern noch Wochen Zeit gehabt, um die Tiere auf die Heimweiden zu bringen und im Stall mit Insektiziden zu behandeln. Wo war da die Veterinärbehörde?“, fragt der als „Shoafbauer“ bekannt gewordene Landwirt. Koch war auf Einladung der FPÖ Auskunftsperson im Landtag, als es darum ging, dass diese Entschädigungszahlungen aus dem Tierseuchenfonds beantragt hatte, was vom Landesparlament mehrheitlich abgelehnt wurde. „Wobei ich völlig parteilos und kein Blauer bin, ich hätte auch für die himmelgelbe Partei ausgesagt“, hält der Moosburger fest.

Ebenfalls im Landtag geladen war Leiter des Referats tierische Produktion in der Landwirtschaftskammer, Johann Burgstaller. Er erklärt die Situation so: „Wir haben gewusst, was der Seuchenzug in Deutschland und Holland 2024 ausgelöst hat und haben im darauffolgenden Winter auf allen Kanälen die Information herausgegeben, dass wir eine Impfung empfehlen.“ Erwartet habe man die Serotypen 3 und 4, die bereits zuvor in Österreich nachgewiesen worden waren. Gegen diese habe man auch grundimmunisiert. „Über den Sommer ist dann überhaupt nichts passiert, wir haben nicht einmal versteckte Anzeichen wahrgenommen.“ Dafür schwappte dann ab August der Typ 8 über Italien mit voller Wucht herein.  Zwar seien die meisten gegen den Serotyp 4 geimpften Tiere durch den Einsatz des Kombinationsimpfstoffes auch gegen den Serotyp 8 geschützt gewesen. Die Übersterblichkeit laut Tierkörperverwertung betrug im September 2025 bei Schafen aber 600 und bei Rindern 200 Prozent. Dazu kamen noch wirtschaftliche Schäden durch Faktoren wie Leistungsrückgang oder fehlende Fruchtbarkeit, sowie Kosten für die Behandlung.

Landesveterinärdirektor Holger Remer ist sich keiner Schuld bewusst: „Diese Dynamik ist nicht erwartet worden. Der 8er-Stamm ist wesentlich aggressiver über den Balkan und Friaul-Julisch-Venetien zu uns gekommen.“ Die Kommunikation im August sei nicht mehr so prioritär gewesen, weil man bis ins Frühjahr 2025 bereits breit informiert und gewarnt habe. „Diejenige, die im September geplärrt haben, dass sie von nichts gewusst haben, müssen früher aufstehen“, so Remer. Die Karte mit den aktuellen Erkrankungsfällen sei stets aktuell geführt worden, ergänzt der Präsident der Tierärztekammer Kärnten, Franz Schantl. „Was stimmt, ist dass man mit diesem Stamm nicht gerechnet haben.“ Im Herbst sei daher dann mit dem passenden Wirkstoff nachgeimpft worden.

Unbestritten ist aber, dass die Impfmoral ohnehin nicht berauschend war. Bei Rindern betrug die Quote 36, bei Schafen gar nur 15 Prozent. Das ist einerseits auf die sehr vielfältige Struktur im Bundesland mit ihren kleinen Schaf- und Mutterkuhherden zurückzuführen. Viele Halter hätten sich nach dem Zufallsprinzip darauf verlassen, dass bei ihren paar Tieren schon nichts passieren werde. „Und nach der Corona-Pandemie gibt es sicher einen gewissen Anteil an Impfgegnern unter den Landwirten“, so Schantl. Eine Impfpflicht, wie sie 2008 nach dem ersten Auftreten der Blauzungenkrankheit bundesweit verordnet wurde, sei daher undenkbar. „Damals wurden Amtstierärzte zum Teil nicht mehr in die Betriebe hineingelassen. Das wird nicht mehr geschehen.“

Letztlich sind die Veterinäre aber der Schlüssel zum Tier: Die Impfrate ist von Tal zu Tal und von Tierarzt zu Tierarzt unterschiedlich. Einer, der gute Erfahrungen mit der Immunisierung gemacht hat, ist der Braunviehzüchter Robert Gössinger, dessen Hof noch im Gemeindegebiet der Stadt Klagenfurt liegt. Er hat weder nennenswerte Nebenwirkungen noch Erkrankungen registriert. „Wir haben einen guten Stalldurchschnitt und impfen daher immer gegen die gängigen Krankheiten. Bei einer Kuh, die 40 Liter Milch gibt, machen die Leistungseinbuße, die Behandlungskosten und das dann erforderliche Wegschütten der Milch leicht 400 bis 500 Euro aus. Wenn es zwei von meinen 50 Milchkühen erwischt, ist die Impfung schon wieder bezahlt.“ Das sei für ihn Teil des Risikomanagements.

Dass Gössinger keine Klinik bemerkt hat, obwohl im Umkreis viel Viruslast festgestellt wurde, führt Tierzuchtdirektor Burgstaller auf dessen gutes Herdenmanagement zurück: „Am heftigsten erwischt es meist alte Mutterkühe, Milchkühe, die metabolisch an der Versorgungsuntergrenze sind, und Schafe, die mit Endoparasiten befallen sind.“ Eine Garantie, dass vakzinierte Tiere nicht erkranken, gebe es sowieso nicht. „Auch in Beständen, die geimpft wurden, gibt es rote Nasen, aber keine schweren Verläufe und keine Verendungen.“ Die Lösung für alles sei die Spritze also nicht, aber ein Teil der notwendigen Maßnahmen.

Bereits 2025 hat das Land Kärnten deshalb den Impfstoff aus den Mitteln des Tierseuchenfonds übernommen. In diesen zahlen die Tierhalter (oder manchmal auch die Gemeinden für diese) für Notzeiten ein. So weit, so klar. Sehr unterschiedlich sind die Meinungen aber bei den Gesamtkosten. Thomas Koch meint, dass die Honorare für die Veterinäre einfach im selben Ausmaß gestiegen seien. „Das Land zahlt den Impfstoff und die Tierärzte kassieren.“ Für ihn würden einige tausend Euro anfallen – ein Betrag, der betriebswirtschaftlich mit extensiver Schafhaltung nicht darstellbar sei. „Da kommen Tagessätze zusammen, die mit der Arbeitsleistung nicht in Einklang zu bringen sind.“ Er selbst habe früher im Humanbereich als Intensivpfleger gearbeitet und dabei Spritzen verabreichen dürfen. „Um das bei Tieren richtig machen zu können, muss man nicht unbedingt studiert haben.“

Für Landesveterinär Remer sind die Kosten hingegen moderat. Bei den Zahlen, die herumgeistern, würden Äpfel mit Birnen verglichen. „Und unsere Bauern sind alle erwachsen und geschäftsfähig. Ihnen obliegt die Verhandlung mit ihren Betreuungstierärzten.“ Öffentliche Preisvorgaben lehnt auch Präsident Schantl entschieden ab.: „Wir haben eine Impftarifempfehlung kalkuliert. Jeder Tierarzt muss aber selbst schauen, dass es für ihn wirtschaftlich ist und kann für große Betriebe Mengenstaffelungen anbieten.“ Wenn es gelinge, 70 bis 80 Prozent der Wiederkäuer über drei Jahre hinweg zu schützen, sei die Sache gegessen. Holger Remer glaubt, dass die Impfbereitschaft heuer deutlich höher sein wird: „Etliche Tierhalter sind durch das Geschehen geläutert.“ 2026 werde es noch einmal zu einem massiven Schub kommen. „2027 wird es durch die Impfung und die Durchseuchung dann zu Erleichterungen kommen.“

Auf den Shoafbauern können die beiden bei ihrer Strategie allerdings nicht zählen. „Ich will nicht als der Schwurbler dastehen. Aus finanziellen Gründen werde ich aber zu den derzeitigen Preisen nicht mehr impfen und werde einen Teil der Herde stattdessen daheim belassen. Unsere Tätigkeit als Wanderschäfer wird damit massiv eingeschränkt.“ Er habe sich eine Badewanne für die Insektizide gegen die Gnitzen als Überträger gebaut, werde Repellentien gegen die Insekten einsetzen, die Schafe am Abend in den Stall holen und sie gut mit Nährstoffen versorgen. Damit sei es bereits im vergangenen Herbst gelungen, die Ausfälle auf ein vertretbares Niveau zu reduzieren. Denn zunächst habe es nach bis zu 30 Prozent Sterblichkeit bei den Mutterschafen ausgesehen. Mit den Maßnahmen habe er diese auf weit unter zehn Prozent gedrückt. „Und ja: Auch die Spinnenweben bleiben heuer im Stall.“

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