Rissvorfälle
Rissvorfälle bezeichnen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung das ungewollte, akute Aufreißen der Haut (Korium) im Bereich der Zitze oder des Euters von Milchkühen, seltener von anderen laktierenden Wiederkäuern. Ätiologisch handelt es sich um eine mechanische Überbeanspruchung des Gewebes, die durch eine verminderte Elastizität der Haut infolge von Melkhygienefehlern, falscher Melktechnik (zu hohes Vakuum, falsche Pulsation), oder durch Umwelteinflüsse wie starke Sonneneinstrahlung, Kälte oder aggressive Reinigungsmittel begünstigt wird. Pathophysiologisch kommt es zu einer Kontinuitätsdurchtrennung der Epidermis und Dermis, wobei die Tiefe des Risses von oberflächlichen Schürfwunden bis zu tiefen, blutenden Läsionen reichen kann.
Aus tierärztlicher und melktechnischer Sicht stellen Rissvorfälle einen prädisponierenden Faktor für die Entstehung von Mastitiden dar, da sie eine Eintrittspforte für pathogene Keime bilden. Die rechtliche Einordnung erfolgt in Deutschland und Österreich über die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) bzw. das österreichische Tierschutzgesetz (TSchG), wonach Verletzungen, die auf mangelhafte Haltungs- oder Melkbedingungen zurückzuführen sind, als Verstoß gegen das Verbot der Zufügung von Schmerzen und Leiden gewertet werden können. Im Rahmen des österreichischen ÖPUL-Programms (Österreichisches Programm für umweltgerechte Landwirtschaft) sowie der deutschen QS-Milchviehhaltung sind dokumentierte Rissvorfälle als Indikator für eine unzureichende Eutergesundheit zu werten, was eine Überprüfung der Melkanlage und des Melkmanagements erforderlich macht. Die Therapie umfasst die lokale Wundbehandlung, gegebenenfalls systemische Antibiose und die konsequente Korrektur der ursächlichen Haltungs- und Melkparameter.

