Header monbile

Inflation: Auch die Landwirtschaft hat profitiert

Ruiniert der Lebensmitteleinzelhandel die Preise? REWE-Manager ANDREAS STEIDL antwortet, dass man sich als Partner versteht, manche Lieferanten froh über Aktionen sind und auch Bauern hart um Einstandspreise verhandeln.

Vor Ostern gab es die Befürchtung, dass wir das Fest ohne Eier feiern müssen. Wie ist es gelungen, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten?

Auf Spitzen wie Ostern muss man sich rechtzeitig vorbereiten. Es gibt übers Jahr immer gleich viele Legehennen – in Österreich zirka 7,5 Millionen pro Jahr, die insgesamt zwei Milliarden Eier legen. Die Hälfte davon nimmt der Handel ab. Rechnerisch sind genug heimische Eier vorhanden. Bereits im Herbst gilt es aber für den erhöhten Bedarf vor Weihnachten zu planen; das setzt sich bis Ostern fort. Ab Weinachten muss man für die Nachfragespitze zu Ostern vorbereiten, wann man wie viele Eier fürs Färben rausnimmt und wie rollierend ein Lager aufgebaut wird.

Es ist aber kein normales Ostern wie immer, sondern es grassiert die Vogelgrippe in Europa. Hat es einen Zeitpunkt gegeben, an dem Sie befürchtet haben, dass Ihnen die Eier ausgehen?

Natürlich ist die Situation herausfordernd. Die Nachfrage ist bei Gruppen, die vorher nicht in Österreich und schon gar nicht im Handel eingekauft haben, größer geworden, etwa in der Gastronomie und Hotellerie. Außerdem haben nicht alle Bauern ihre Eier verlässlich an die Packstationen abgegeben, sondern auch die Direktvermarktung genutzt und so zum Beispiel an die Industrie verkauft. Letzteres war in der Vergangenheit völlig uninteressant. Weil es in Deutschland aufgrund der Vogelgrippe zu wenige Eier im Industriebereich gibt, lockt diese plötzlich mit attraktiven Preisen. In der Folge haben auch wir unsere Bestellmengen angepasst, um uns Ware zu sichern.

Ist es möglich, Ihren Kunden immer die heimische Herkunft zu garantieren?

Wenn man konsequent ist und sich rechtzeitig vorbereitet, ja. Das ist bei den Eiern zu Ostern so wie Weihnachten mit den Filets. Im Dezember werden auch nicht so viel mehr Rinder nur wegen der erhöhten Nachfrage nach Lungenbraten geschlachtet. Also muss man rechtzeitig einlagern.

Die Marktbedeutung der Handelsketten ist dabei enorm.

Wir sind nicht unwesentlich, aber bei weitem nicht so wichtig, wie man es uns gerne unterstellt. Der Handel nimmt insgesamt nur grob die Hälfte der Produkte ab, obwohl es immer heißt, dass wir so marktmächtig sind. Bei Rindfleisch, wo die Exportquote hoch ist, machen wir sogar nur ein Drittel. Runtergebrochen auf den Anteil von Billa ergibt sich zum Beispiel bei Eiern eine Marktbedeutung von 12 bis 13 Prozent.

Was können Sie der heimischen Landwirtschaft als Partner bieten?

Unser Fundament ist Österreich. Darauf bauen wir unsere Programme auf. Billa setzt auf 100 % österreichisches Fleisch und 100 % österreichische Eier. Bei unseren Tierwohlprogrammen machen wir mit unseren Vertragspartnern Vereinbarungen und zahlen entsprechende Zuschläge bzw. Preise. Dafür schauen wir uns die Investitionskosten und die erhöhten variablen Kosten an und bieten längerfristige Verträge an, um die Scheu zu nehmen.

In welchen Bereichen sehen Sie noch Chancen?

Beim Schwein gibt es in der jetzigen Phase keine Einstiegsmöglichkeit mehr. Da fallen 60 Prozent Verarbeitungsware an, die müssen wir erst unterbringen. Beim Rind sehen wir neben der sehr erfolgreichen Bio-Schiene ein Potential bei den Weideochsen von „Fair zum Tier!“ im ALMO-Programm. Hier wurde mit den Bauern 10-Jahres-Verträge abgeschlossen; in zirka zwei Jahren werden wir unsere Zielmengen haben.

Richtig abgehoben haben die Tierwohl-Programme aber noch nicht.

Im Frischfleisch-Bereich liegt der Tierwohl-Anteil bei Billa bereits bei mehr als 50 Prozent des Verkaufsumsatzes. Bei Fair zum Tier-Almo-Ochsen haben wir sogar das Problem, dass wir zu wenig haben. Momentan haben wir aber generell nicht das optimale Konsumklima, weil der Preis im Fokus steht. Da kommt der Mehrwert oft zu kurz. Mitbewerber haben sich komplett zurückgezogen. Wir sind aber von Tierwohlprogrammen überzeugt. Das Grundbedürfnis der Kunden ist da. Wir treten in Vorleistung.

Bei vielen Programmen werden zusätzlich zu den gesetzlichen Vorgaben eigene Richtlinien aufgestellt. Eine Parallelgesetzgebung?

Nein. Die Bauern sind nicht alle gleich. Sie haben die unterschiedlichsten Voraussetzungen und die unterschiedlichsten Philosophien. Das ermöglicht eine größere Bandbreite als ein Einheitsprodukt. Man muss aber immer eine Gruppe finden, die bereit ist, für einen zu produzieren. Das wird sie nur dann machen, wenn man es honoriert. Mit „du musst“ geht das nicht. Wir schaffen entsprechende Anreize.

Hat es angesichts der Inflation Druck gegeben, dass man billigere ausländische Ware wieder ins Sortiment nimmt?

Natürlich gibt es immer wieder Diskussionen, aber wir wollen von unserer Linie nicht abgehen. Wenn man eine Strategie hat, darf man nicht beim ersten Lüfterl umfallen. Es braucht eben Zeit, bis die Kunden den Mehrwert verstanden haben.

Wie haben Sie die Entwicklung der Lebensmittelpreise generell erlebt?

Als Dauerthema. Wir wissen, wie niedrig der Anteil der Lebensmittel an den Haushaltsausgaben ist. Dennoch besteht die Gefahr, dass der Markt überhitzt und Kunden ihr Einkaufsverhalten ändern. Vielleicht ist es manchmal auch gut, zu überlegen: Wann konsumiere ich Fleisch und welches Fleisch konsumiere ich? Herkunft, Qualität und Tierwohl werden mehr zum Thema. Zudem ist es immer gut, wenn es weniger Food Waste bei Produkten gibt, für die man zuerst ein Tier töten musste.

Der Bauernbund stellt heftig in Abrede, dass die Lebensmittelpreise an der Inflation schuld sind. Wie beurteilen Sie das als Händler?

So ehrlich muss man schon sein, dass 2025 natürlich auch einige Sparten der Landwirtschaft profitiert haben. Das ist ihr zu vergönnen. Milch und Fleisch hatten ein hohes Preisniveau, bei gleichzeitig niedrigen Futterkosten, letzteres zum Leidwesen des Ackerbaues.

Wie werden sich angesichts der Iran-Krise die Preise in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln?

Erste Auswirkungen auf die Preise sehen wir bereits, etwa beim Rind. Die Exportorientiertheit der europäischen Rinderwirtschaft wird mit einem Einbruch dieser Lieferdestination konfrontiert. Stattdessen drückt diese für den türkischen und arabischen Raum bestimmte Planmenge auf den EU-Binnenmarkt und somit auf den Erzeugerpreis. Die mittelfristigen Auswirkungen sind aber noch schwer abzuschätzen.

Ab Jahresmitte gilt die Reduktion der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel. Wie steht der Handel dazu?

Das ist eine politische Entscheidung, die wir umsetzen werden und die auch für uns Aufwand bedeutet. Ob sie den gewünschten Effekt bringt, wird man sehen, wenn wir in zwei Jahren zurückschauen.

Es wird getuschelt, dass der LEH die fünf Prozent vorher draufschlägt, damit er sie nachher wieder nachgeben kann.

Es ist typisch, dass man reflexartig sagt, dass sich das wer einstecken wird. Wir kennen die Wettbewerbsbehörde. Sie wird mehr als genau darauf schauen, dass das nicht passiert. Und der Kampf um Marktanteile wird das ohnehin verhindern.

REWE ist ein deutscher Konzern. Warum ist einkaufen in Deutschland so viel günstiger?

Die tatsächlichen Preisunterschiede sind bei weitem nicht so, wie sie in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Und oft wird nicht Gleiches mit Gleichem verglichen. Es gibt Unterschiede in der landwirtschaftlichen Produktion – etwa im Geflügelbereich, der Bio-Anteil ist im österreichischen Lebensmittelhandel generell höher. Wir haben ganz andere Promotion-Anteile. Die Deutschen sind bei rund 25 Prozent, wir bei 40. Alleine das macht schon einen großen Teil aus. Wir haben unterschiedliche Mehrwertsteuersätze. Und wir haben unter anderem eine andere Topografie und Größenstruktur der Ortschaften.

Wird die hohe Versorgungsdichte in Österreich zu halten sein?

Man sagt uns nach, dass wir zu viele Märkte haben. Aber wenn wir wo zusperren wollen, regen sich der Bürgermeister und die Bevölkerung auf.

Sind die vielen Aktionen der Weisheit letzter Schluss?

Sie sind Element des Wettbewerbs. Und die Lieferanten haben auch ein Interesse daran, dass ihre Produkte in den Mittelpunkt gestellt werden. Auch sie wollen ihre Übermengen vermarkten und sind dann froh, wenn wir damit Aktionen fahren.

Setzen Ihre Einkäufer Ihre Partner zu sehr unter Druck?

Die klassische Einkäufer-Situation kennt der Bauer auch. Wenn er weiß, dass das Geschäft mit den Traktoren heuer nicht gut geht, bekommt er einen besseren Rabatt. Je nach Marktsituation ist einmal der auf der besseren Seite und einmal der andere. Wir haben Phasen gehabt, in denen wir schauen mussten, dass wir die Rinder zusammenbringen, damit wir eine Marktversorgung sicherstellen können. Da konnten sich die Lieferanten den Preis aussuchen. Und es gibt Phasen, wo ich sage, eigentlich brauche ich das nicht, was soll ich damit tun? Ein Einkäufer hat nichts zu verschenken, egal ob er im Einzelhandel sitzt oder ob es ein Bauer ist.

Braucht es eine stärkere Konzentration auf Angebotsseite, um dem Handel entgegentreten zu können?

Die gibt es schon. Die Berglandmilch als größte österreichische Molkerei ist dreimal so groß wie unser gesamter rechnerischer Bedarf an Milch. Da ist sogar der Parmesan dabei, der in Italien mit Ursprungsschutz versehen ist.

Sie gehen bald in Pension. Was ist Ihnen in ihrer Karriere als Handelsmanager gelungen?

Bevor ich hierher gekommen bin, war der Biobereich nicht ohne Skandale. Da hat es oft gerumpelt. In unserer Rolle als Speerspitze ist es uns gelungen, dass es in den mehr als 20 Jahren sehr ruhig geblieben ist. Dabei haben wir Wachstum gestaltet, nicht erzwungen. Und die Ideen sind mir nie ausgegangen. Aber man kann immer etwas besser machen. Es sind noch viele Dinge für meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin zu erledigen.

Interview: STEFAN NIMMERVOLL

 

Andreas Steidl hat an der Universität für Bodenkultur promoviert. Bei der Agrarmarkt Austria Marketing (1993 – 2004) war der gebürtige Salzburger in unterschiedlichen leitenden Funktionen tätig, von 1995 bis 2004 als Prokurist der Agrarmarkt Austria Marketing und damit als stv. Geschäftsführer unter anderem für die strategische Planung verantwortlich. 2004 wechselte er zu BILLA, wo er unter anderem Geschäftsführer von Ja! Natürlich und im Billa Einkauf für die Leitung des Rohstoff- und Qualitätsmanagements verantwortlich ist.

Der Beitrag Inflation: Auch die Landwirtschaft hat profitiert erschien zuerst auf Blick ins Land.